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Retusche

Angel-Event Einsiedeln aus Sicht eines temporären Engels. Oder so....

Claudia Geissmann

Raus aus dem hektischen Alltag. Sprint zum Bahnhof. Plötzlich im halbleeren Zug, Ruhe, die allerwunder-schönsten Schweizer Schoggibildli-Landschaften, die vorbeirauschen. Schlussbouquet Sonnenuntergang in Zartrosa über spitzen Schneebergen. Wenn man nicht aus Basel wäre und in Geographie ein bisschen besser aufgepasst hätte, dann wüsste man auch über welchen ....

In Einsiedeln zu Fuss Richtung Kloster und Herberge. Begleitet von zwei freundlichen Teenies, die mir erzählen, sie hätten am Abend zuvor den Löwen aus dem Naturalienkabinett im Fernsehen gesehen.

Als ich im Restaurant ankomme, finde ich einen langen Tisch voller gutgelaunter, müder und hungriger Menschen vor. Die RestauratorInnen kenne ich (ausser Evi), diejenigen die ich (noch) nicht kenne, sind die Präparatoren-Kollegen.
Übernachten im Pilgerhotel, sanft in den Schlaf gleiten und dann wachgebimmelt durch Geissenglöggli.
Am nächsten Tag strammer Fussmarsch zum Kloster nach herzhaften Frühstück.

Der Arbeitstag beginnt mit einer freundlichen Invasion und der Einvernahme von Pater Oswalds Büro durch ca. 16 Engel. Das Arbeitsziel wird bekannt gegeben und wir bekommen unsere Aufgaben zugewiesen. Ich gehe mit Nathalie, Evi und Christoph in den ersten Stock, wo ich die nächsten zwei Tage mit Vitrinen Retuschieren, Holzdielen Wachsen und Polieren beschäftigt bin.

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Highlight der Aktion, die Menschenkette, die wir bilden, um die sorgfältig mit der Pinzette federgebüschelten und gereinigten Vögel der Schweiz - komplette Familien mit Vater, Mutter und Kindern - vorsichtig in die Vitrinen zu bugsieren.

 

Von unserer Balustrade aus haben wir den kompletten Überblick und können zwischendurch auf das fleissige Gewusel unter uns hinabschauen.

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Ausgeräumte gereinigte Pultvitrinen, mit jetzt aufpolierter roter Bemalung, werden wieder mit historischen, inzwischen gereinigten und konsolidierten Kartonschachteln bestückt, in denen sich ebenfalls kontrollierte und gereinigte Gesteine und Fossilien befinden. Schildkrötenpanzer werden staubgesaugt, Scheiben poliert. Familie Löwe - lebendes Geschenk an das Kloster Einsiedeln und sich ehemals im Garten tummelnd, Heute immobil in majestätischer Pose - aber mit knuddelliebem Plüschgesicht, gar nicht löwenhaft - als Blickfang und Lieblinge der Presse und der Besucher ruhend.

Ein Adler mit ausgebreiteten, flugbereiten Schwingen, flauschig tapsender Bär, springender Wolf, schleichender Leopard - ja, ich habe ihn angefasst, meinen Ersten - ein Walfischknochen - weiss nicht mehr welchen - alle sorgfältig nach erhaltener Pflege herumgetragen und in den Vitrinen platziert.

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Unterbruch um 11h30 und um 12h00. Die Engel werden in zwei Gruppen geteilt und dürfen im Gäste- und Pilger-refektorium zu Mittag essen.
Die Verpflegung ist grosszügig, in Pater Oswalds Büro, das nebst Versammlungs- und Rapportraum als Cafeteria, Garderobe, Kennenlernort und Pausenraum dient gibt es durchgehend, Kaffee, Wasser, Süsses und um 16 Uhr ein üppiges Zvieri, damit wir schön bei Kräften beiben und weiter lächeln. Denn das tun alle den ganzen Tag lang. Fröhliche Engel.

Um 18h ist Feierabend. Rückmarsch zu den Unterkünften, Entstauben, Umziehen und sich zum gemeinsamen Abendessen im Städtli treffen. Die Wahl fällt auf eine Pizzeria, die wir zu 50% wieder mit gut gelaunten, müden und hungrigen Engeln füllen. Anregende Tischgespräche, sich besser kennen lernen, viel Lachen, ein Gläschen Rotwein, oder so. Und jetzt weiss ich alles über die Jagd. Wie es scheint, sind (alle? viele? einige?) Präparatoren naturverbunden, natürlich wetterfest, bergtauglich und leidenschaft-liche Jäger. Und sie kochen gerne, wie die Restauratoren auch. Inzwischen bin ich von der Illusion befreit, dass die fleischlichen Teile der kapitalen Hirsche und Gemsen-Herren im besten Alter echte Leckerbissen und den Jägern vorbehalten sind. Oder wussten Sie, dass die Viecher elend böckeln, wenn sie in der Brunft sind? Doch, auch in Basel hat es Wild. Erst kürzlich hat sich ein junger, verwaister Luchs im Gundeli verirrt und wurde eingefangen. Er wohnt jetzt in der Langen Erlen. Da wissen Sie jetzt nicht, wo das ist...


Gut schlafen in der Pilgerstätte, Frühstück und Fussmarsch zu Kloster.
Neue Gesichter, Schichtwechsel, Tagesrapport. Invasion des Büros. Pater Oswald nimmt es auch heute gelassen, dass seine Studierstube besetzt wird. Er ist gut gelaunt, freundlich und sagt, dass er noch nie gesehen habe, dass Leute sich so freuen während der und vor allem über die Arbeit.
Aber genau so war es. Während der zwei Tage, die ich dort war, habe ich nur zufriedene und fröhliche Gesichter gesehen. Meines inklusive. Alle haben sich gefreut, es wurde fleissig und konzentriert gearbeitet. Man hat sich ausgetauscht, gelernt, beobachtet, geholfen, Interesse gezeigt, Fragen gestellt. Präparatoren lagen bäuchlings vor den Vitrinen. Restauratoren Ü50 krochen ächzend aber ausdauernd auf dem Fussboden rum.

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Alle haben Alles gegeben. Es war gut organisiert und eine Freude, daran Teil nehmen zu dürfen. Machen wir mal wieder! Hoffentlich.

weitere Bilder des Conservation Angel-Events gibt es hier


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